• Schriftsteller Udo Weinbörner

  • Romane, Kurzgeschichten, Gedichte

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  • DIESER SOMMER IN TRIEST! Ein spannender Sommerroman für Italienliebhaber

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Kartoffelschälen

Säße ich im Sommer neben Großvater auf der Mauer unter den Apfelbäumen mit dem Kartoffeleimer zwischen den Beinen, um Geschichten zu angeln und hauchdünne Sätze zu schälen, denen wir später in dieser Pfanne auf dem offenen Herdfeuer knuspernd lauschten, wie es heute fast nur noch Taube und Zurückgebliebene vermögen. Nur wenige Worte trugen deine Sätze, Großvater, doch du musstest bei mir nicht vergebens um die Worte ringen, die sich wie die hauchdünnen Kartoffelschalen kringelnd in eine Schüssel senkten, um von mir später auf dem Kompost vergraben zu werden, wo danach der Pflaumenbaum dort reichlich Früchte trug. Die Kronen der gefällten Apfel– und Pflaumenbäume flüsterten die Fortsetzungen und Geheimnisse dieser Geschichten, in den blauen Sommerhimmel, wo heute Baumarktpflanzschalen auf Baumstümpfen vor Kummer begossen werden müssen, damit sie überleben.

 

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Udo Weinbörner, Autorenportrait privat

 

Der Schriftsteller in freier Wildbahn

Eine Fragebogengeschichte

„Ein Mensch wie Sie hat es gut, wissen Sie das?“ In seiner Stimme schwang ein Vorwurf mit. „Jeden Tag auf den Weg zur Arbeit, des Morgens in der Dunkelheit in überfüllten Vorortzügen, abends mit der Last der unerledigten Aufgaben müde zurückkehren. Sie schreiben? Ist das Arbeit? Wann schreiben Sie denn tatsächlich?“

Er hasste es, sich rechtfertigen zu müssen. Doch nichts fürchtete er mehr, als die Stille, wenn er allein vor seinem Schreibtisch hockte und die Nachbarn zur Arbeit gefahren waren. Er stellte sich den Wecker, um noch am frühen Morgen ein paar tröstliche Worte zu wechseln. Und jetzt das! Schon bereute er es, früh vor die Tür getreten zu sein. Er versuchte, freundlich zu antworten. „Neulich“, sagte sein Gegenüber, neulich habe er ihn schon am frühen Morgen im Garten flanieren und träumen gesehen.

„Auch das gehört zum Schreiben“, antwortete er kleinlaut und schämte sich für den Eindruck, den dies erwecken würde. Noch mordete er nicht, noch rann kein Blut über seine Manuskriptseiten. Entschlossen, seiner Antwort Nachdruck zu verleihen, ging er wieder ins Haus, sein langes, scharfes Küchenmesser zu holen. Sein Blick auf die Wanduhr, er notierte im Kalender: Arbeitsbeginn 6:30 Uhr.

Als er mit dem Messer in der Faust wieder vor die Haustür trat, waren die Nachbarn längst flüchtig. So würde das nie etwas mit dem Genrewechsel ins blutige Fach. Er eilte in sein Arbeitszimmer, las Hemingway und dachte dabei an überfüllte Vorortzüge. Das wenigstens würde seinen Stil schulen und ihn beruhigen.

Sein Mitbewohner, der pockennarbige Kosslowski, die Hauptperson in seinem historischen Räuberroman, stand verlottert und verlaust im Türrahmen des20170527 120405aeaeop Arbeitszimmers und grinste breit: „Na, Herr Schriftsteller, bei der Arbeit? Letzte Nacht, ein wildes Gelage und der Brand auf einem Hof. Dass er mir nicht zu blutleer wird, der Herr Stubenhocker mit den tintigen Fingern!“ Dieser Mensch hob drohend den Zeigefinger und lud ihn ein, das frische Diebesgut im Keller zu besichtigen.

„Warte nur, mein Lieber, bis es Abend wird!“, drohte ihm der Schriftsteller zurück. „Spätestens zwischen 19:00 und 22:00 Uhr jage ich dich mit dem Blau meiner Tinte über das Weiß des Papiers und mache dir die Räuberbraut mit ihrem tiefen Dekolletee und der schrillen Stimme abspenstig. Dann lebe ich gern wild und gefährlich, du kennst das ja!“ Der Schrecken stand Koslowski nach dieser Drohung ins Gesicht geschrieben und er versteckte sich einstweilen auf dem Dachboden.

Es wurde wieder grabesstill, der Kopf des Schriftstellers leer, und er füllte ihn mit den Buchstaben einer Morgenzeitung. Vielleicht sollte er verreisen. Eine Recherche. Diesen Teil der Arbeit liebte er, fand sich gewichtig dabei und wurde auf den verschlungenen Pfaden seiner Neugierde ernst genommen. Seufzend dachte er an die leere Geldbörse in seiner Jacke. Nein, zuerst musste er Rechnungen schreiben, sich um Termine für Lesungen bemühen. Geld musste her.

Vorwurfsvoll blickte ihn der Stapel weißer Seiten an, die es noch zu füllen galt. Blockade? Womit sollte er nur anfangen? Das Telefon klingelte. Ein Freund: „Schreibst du gerade? Sitzt du im Arbeitszimmer? Wo habe ich dich erwischt?“ Schriftsteller erzählte von den Nachbarn und dem Küchenmesser. Schon hörte er den wohlmeinenden Rat: „Geh mal raus. Unter Menschen, schreib in freier Wildbahn! Verkriech dich nicht an deine Lieblingsplätze in Haus und Garten und mache es dir nicht zu bequem. Du weißt, das bekommt deiner Sprache nicht. Raus mit dir, du faule Sau!“

Schöne Freunde hatte er! Die Faust geballt, bedankte er sich artig für diese guten Ratschläge. Wild entschlossen, bestieg er den überfüllten Vorortzug, fand keinen Sitzplatz und kritzelte fast unlesbar, halb im Stehen, halb gequetscht, zugemüllt von leeren Gesprächen und Handygeklingel, Worte, ja sogar ganze Sätze auf das Papier seines Notizblocks. Tauchte ab, wollte sich nicht gemein machen mit diesen sich aufdrängenden Selbstdarstellern der Arbeit. Was ging ihn die Beziehungskrise der kleinen Dicklichen an? Warum glotzte er auf das Display, das einen nackten Unterleib der Wochenenderoberung feilbot? Wie auf einem Hexenbesen raste sein Füller durch eine ferne Gegend und wärmte sich an einer wahren Liebe. Na, geht doch! Wäre doch gelacht, wenn nicht noch eine überlaute Gaststätte irgendwo? Seine Konzentration rebellierte, er schwitzte und kämpfte, die Seiten füllten sich. Am Abend hockte er vor dem Computer, verzweifelt bemüht, aus der unleserlichen Schrift und den ungeschliffen Formulierungen den Zusammenhang zu erschaffen, der ihm eines Tages zu Reichtum verhelfen könnte.

Wie kannst du nur den Überblick behalten? Dieses Chaos, du verzettelt dich!“ Neulich hatte ihm seine Frau einen Ratgeber geschenkt: ‚Simplify your life‘. Er hatte ihn gelesen und sogar damit begonnen, aufzuräumen, einen riesigen Stapel von Büchern auszusortieren und sich von einer Unzahl von Projekten zu verabschieden. Sie meinte es wirklich gut mit ihm!

Doch kaum kehrte sie ihm den schönen Rücken, tauchte dieser pockennarbige Koslowski mit seiner ganzen Karbousche, diesem ganzen verlotterten und lärmenden Gesindel auf und scherte sich einen Teufel um jede göttliche Ordnung. Wie sollte der Schriftsteller da nur den Überblick bewahren? Aus purer Verzweiflung erwuchs ihm die Kraft, dem Chaos zu widerstehen, einen jähen Schlusspunkt unter die Erzählung zu setzen und sich von diesen lästigen Mitbewohnern zu trennen.

Doch schon am nächsten Morgen saß irgendein zwielichtiger neuer Geselle mit am Frühstückstisch, und seine Frau wollte nicht glauben, dass er diesen Burschen wieder in seinem Arbeitszimmer schlafen ließe.

Der Schriftsteller beeilte sich. Hastig holte er Straßen- und Landschaftskarten aus den entlegensten Winkeln seines Arbeitszimmers hervor, breitete diese auf diversen Tischen aus und beugte sich mit seinem neuen Gast darüber, um mehr von seiner Herkunft und seinem Schicksal zu erfahren. Im Internet fand er alte Bilder und der neue, ungebetene Gast begann zu erzählen von Hungerszeiten und Kindertagen, Kriegsnächten, wilden Liebschaften und langen Wegen über das Eis der Berge und durch die sandigen Ebenen des Nordens und Südens. Ja, das wäre eine Geschichte! Überglücklich hing der Schriftsteller dem Fremden an den Lippen. Auf großen Blättern versuchte er, mit Skizzen die Zeitabläufe, Ereignisse, Wege und flüchtige Gedanken festzuhalten. Wie ein Ertrinkender bei Sturm auf hoher See entstanden seine Skizzen.

Der Nachbar klingelte und hinterließ eine Nachricht, als der Schriftsteller nicht öffnete. Er müsse eine Rede halten und ihm fehlten die Worte, stand auf einem Zettel. Schriftsteller kritzelte verärgert auf das Papier, er möge in den Garten gehen und träumen, faltete dieses zu einem Papierflugzeug und warf es aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im ersten Stock Richtung Nachbargrundstück, wo es sanft bis zur Terrasse segelte.

Ob er bitte heute Abend den Müll…? „Die gelbe Tonne, diese Woche!“, rief ihm seine Frau zu, als sie das Haus verließ, nicht ohne den Fremden noch einmal misstrauisch anzuschauen.

„Welcher Müll?“

„Unrat, Pestilenz“, antwortete der Fremde, „Ratten, riesenhafte Viecher, die dir den letzten Bissen Brot streitig machen und dir die Ohren abbeißen, sobald du dich zum Schlafen legst.“ Das Grausen ließ ihn frösteln. Er griff zum Äußerten, zum Füller, richtete die Spitze, entschlossen, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, auf die riesige Fläche des ungelebten Lebensblattes…, nicht jedoch, ohne zuvor doch…, einen Blick auf den Computerbildschirm...

Eine Kollegin versendet per E-Mail einen Fragebogen zur Arbeit und zum Leben des Schriftstellers. Die Fragen erreichen ihn noch, bevor er dem Fremden in sein finsteres Verließ folgt und an den Ketten der Autoren-Knechtschaft zerrt und rasselt. Wer kann in solch verzweifelter Lage noch am Computer hängen und Fragen beantworten? Warum und wozu? Die Freiheit will ans Licht und der Schriftsteller in die freie Wildbahn!

Ist der Fragebogen wirklich für ihn bestimmt gewesen, ein Licht in grausamer Finsternis? Die Kollegin fragt nach der schreibenden Einsamkeit. Den Schriftsteller dürstet, sein Hungerwolf, der kollert und schreit. Einsamkeit… schreit… Wieder ein Reim! Angewidert trollt sich der Fremde in eine Ecke und rollt sich in eine Decke, um am helllichten Tag gottserbärmlich zu schnarchen.

„Schreibe ich, arbeite ich, bin ich Schriftsteller?“, fragt der Schriftsteller ängstlich seinen Agenten, der ganz gut von der Hoffnung lebt, dass der Schriftsteller in freier Wildbahn, sich wild und gefährlich seinem frühen Dahinscheiden zu widersetzen versteht. Lebt…versteht… Schon wieder ein Reim…

Das mit dem Fragebogen zum Schriftstellerleben lässt er wohl besser sein, denkt er sich still und grinst gemein. Also schreibt er ihr: Frei bin ich nur auf dem Papier! Daher schreibe ich von aller Herrgottsfrüh bis nachts um vier, mehr sag ich nicht und hoffe, du verzeihst auch mir.

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Versuch über die Kurzgeschichte

Wer kennt den Platz zwischen Novelle und Skizze? Pardon, man liest heute Romane, Kriminalromane sogar. Kurzgeschichten sind vielleicht in Anthologien zu regionalen Mordansammlungen populär. (Und schaut man genauer hin, sind es am Ende dann doch Erzählungen.) Aber der Platz zwischen Novelle und Skizze … Muss das sein? Ich überlasse das Auffinden dieses Stuhls lieber den Literaturwissenschaftlern und nähere mich der Kurzgeschichte ganz profan als Handwerker.

Anhaltspunkt könnte hier der Umfang sein. Bei der Ausschreibung von Kurzgeschichtenpreisen wird die Kurzgeschichte bei einer Seitenzahl von drei bis maximal zwölf eingeordnet. Das entspricht ihrer Herkunft aus dem amerikanischen als literarische Gattung im Rahmen einer Zeitungslektüre. Diese Beschränkung des Erzählens auf engstem Raum zwingt den Autor unweigerlich zur Reduktion seiner Stilmittel, zu Andeutungen und zur Komprimierung von Handlungssträngen und größtenteils auch zum Weglassen von wörtlicher Rede. Insofern besteht die Kurzgeschichte in einer Art wortgewordene Momentaufnahme, aus einem geheimnisvollen Fragment, das mehr andeutet als verrät. Sie steht auch in der erzählenden Literatur als Kunstform ziemlich einsam auf dem Podest schriftstellerischer Kunstfertigkeiten. Sie steht im Ergebnis häufig damit der Lyrik näher als der Prosa und fordert ihrer Leser in besonderer Weise heraus, mitzudenken, zu interpretieren und zwischen den Zeilen zu lesen.

Ein beliebtes Stilmittel der Kurzgeschichte und gleichsam der Ausgangspunkt für alle notwendigen Komprimierungen ist der sogenannte ‚jump in the story‘. Ein Protagonist tritt aus einem unerwarteten Augenblicksereignis in die Zeit der Erzählung ein. Mit seiner ersten Reaktion erschafft er die ihn umgebende Wirklichkeit. Dabei wird das entscheidende – auch der Komprimierung wegen – nach innen verlegt. Wendungen und Pointe der Geschichte werden vom Ereignis zu Anfang aus gesehen, über den gesamten Fluss der Geschichte verteilt und sichern so den Spannungsbogen. Eine Kurzgeschichte hält die Wirklichkeit in der Schwebe und endet deshalb häufig in unfertigen Schlüssen oder in einer Art ‚cliff hanger‘.

Den Kurzgeschichtenerzähler interessieren vor allem solche Ereignisse, die wie ein Stein, der ins Wasser fällt, Kreise ziehen und die so bedeutsam sind, dass der Protagonist Farbe bekennen muss oder gezwungen wird, sich infrage zu stellen. Er wird mit einer Wahrheit konfrontiert, die ihn im Moment, 2 dsc 0103hier und jetzt, innehalten lässt, die ihn zur Reaktion zwingt. Anstatt zu enden, hört die komprimierte Reaktionshandlung der Story einfach auf und überlässt Deutung und Interpretation dem Leser. Sie ist stets der Wirklichkeit zeitlos näher als dies die anderen Gattungen und Erzählhaltungen der Literatur vermögen. Sie ist ein Stück herausgerissenes Leben – was sie mitzuteilen hat, das macht sie in jeder einzelnen Zeile.

Sie zeichnet sich durch eine Einheit in der Zeit, eine einfache Sprache und eine klare einheitliche Erzählhaltung aus. Alles Mittel der Verknappung und Komprimierung. Je näher die Geschichte in der Verknappung dem Protagonisten auf den Leib rückt, je engagierter und wirklichkeitsnäher gerät die Kurzgeschichte. Nicht der Mensch, wie er sein könnte, steht im Mittelpunkt der Erzählung, sondern der Mensch, wie er unfertig, mit Fehlern behaftet, ist. Die Kurzgeschichte zwingt den Autor zur Wahrhaftigkeit und macht ihn, wenn sie gelingt, authentisch erlebbar für seine Leser.

Immer wird dem Autor wichtig sein, wie sein Protagonist handelt. Seine Handlung, nicht seine Gedanken stehen im Vordergrund. Dialoge, falls sie überhaupt vorkommen, werden nur angerissen, untertreiben raffiniert, denn in jedem Satz schwingt eine Andeutung mit. Nichts wird erklärt, das allermeiste aber ausgelassen. Keine Parallelhandlungen, keine Nebenpersonen, die selbstständig eingeführt werden, die Geschichte wird ausschließlich von der Hauptperson her gesehen. In ihr wird jeder Satz wichtig, jede Handlung bekommt ihre Bedeutung – gerade auch wenn sie banal ist. Da die Kurzgeschichte nicht abwägt, sondern darstellt, ist sie besonders dort erfolgreich, wo sie soziale Missstände anprangert und sich engagiert. In der erzählenden Literatur ist sie sicherlich das dichteste und kunstvollste Wortgebilde, das jeden Schriftsteller irgendwann herausfordert. Ihrer engagierten Ausrichtung wegen liebe ich sie sehr.


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