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    Udo Weinbörner




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    Kurzgeschichten
    und Gedichte




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  • DIESER SOMMER IN TRIEST!

    Ein spannender Sommerroman für Italienliebhaber

Copyright 2020

StandgutGeschichten

 

 

INHALT DIESER SEITE (BEITRÄGE IN REIHENFOLGE):

                               1. Über die Entstehung des Romans „Dieser Sommer in Triest“,

                                    das Erzählen und die Parkinson-Erkrankung als Motiv

                               2. Kartoffelschälen - Kurzgeschichte -

                               3. Der Schriftsteller in freier Wildbahn - Eine Fragebogengeschichte -

                               4. Versuch über die Kurzgeschichte

                               5. Nummer 23 - oder: Unteilbar ist die Liebe - Kurzgeschichte -

6. Der Fluss, die Insel und das Flugzeug - Kurzgeschichte -

7. Leseprobe/Romanauszug aus "Lieber tot als Sklave", Kapitel An Bord der Schaluppe

                                  mit Zustimmunng des Wellhöfer Verlages, Mannheim (C) 2017

8. Die Geschichte der Entstehung meines ersten Schiller-Romans

 

 

                                   

Über die Entstehung des Romans „Dieser Sommer in Triest“, das Erzählen und die Parkinson-Erkrankung als Motiv

Immer ist es der Einzelne, dessen namenloses Leben die Literatur sichtbar macht. Als Erzähler entziehe ich mich daher einer Verallgemeinerung; mir geht es daher nie um ein Allgemeingültiges Richtig und Falsch oder um die Krankheit als solche, von der über 200.00 Menschen in der Bundesrepublik Deutschland betroffen sind und die den Namen ‚Parkinson‘ trägt. Über die Krankheit, ihre Erscheinungsformen, die Betroffenen und ihre Behandlungen usw. ließen sich noch viele wichtige Sachbücher und Statistiken schreiben. Erzählend kann es mir nicht darum gehen, in Tagebuchform minutiös ein Leiden aufzuzeichnen, und in der eigenen Befindlichkeit zu verharren – was im Regelfall zu der berechtigten Frage führen würde, warum jemand anderer seine Lebenszeit für die Lektüre solcher Aufzeichnungen verschwenden sollte (wenn die Lektüre nicht ihrerseits wieder der empirischen Erhebungen für Sachliteratur dienen sollte oder der Leser zu dem Verfasser in einer besonderen persönlichen oder ärztlichen Beziehung stünde, was sein Interesse erklären könnte).

Autor Udo Weinbörner vor der Lesung im kleinen Café in Billerbeck 2018Ein Roman (die fiktionale Literatur) bezieht sich erzählend nicht nur auf Fakten, er führt die Leser nicht schlüssig argumentierend zu einer allgemeingültigen Erkenntnis. Die Erzählung und die Erfindungen des Autors basieren als Ausgangslage für die Geschichte und als Hintergrund/Bühnenbild vielmehr auf Fakten, eröffnen dann aber eine neue, dreidimensionale Ebene, indem sie sich auf die Sicht und Empfindungen des Einzelnen beschränkt auf diese Welt und die dazugehörigen Fakten beschränkt. Ein Roman lässt den Leser Geschehnisse subjektiv mit den Augen einer Figur miterleben, er lässt ihn empfinden, was der Protagonist empfindet. Diese erfahrene und mitempfundene Geschichte weist dann über die Faktenebene und über den Tellerrand der eigenen Befindlichkeiten hinaus. Sie wirft ein besonderes, weil individuelles, einzigartiges Licht auf die Zusammenhänge, indem sie mit den Augen des Protagonisten die eigene schwarze Seele ausleuchtet.

Beispiel: Ein Sachbuch mag die Stationen des Scheiterns einer historischen Persönlichkeit Schritt für Schritt dokumentieren und nachvollziehbar beschreiben. Von Bedeutung und wahr wird eine solche Beschreibung für einen Leser jedoch erst, wenn die Angst, die Trauer, das Entsetzen und die Sehnsucht dieser Persönlichkeit in einer konkreten Situation nachvollziehbar werden. Dies geschieht, wenn sie sich mit eigener Erfahrung, eigenem Erleben und eigenen Gefühlen des Lesers decken. Erst, wenn dieser Prozess in Gang kommt, enthüllt Literatur, macht sie auch bei historischen Geschehnissen bewusst, was wirklich geschehen ist. Hier kann manchmal die erzählte Spekulation oder Erfindung sogar näher an der historischen Wahrheit liegen als die Geschichtswissenschaft, der im Einzelfall der dokumentierte Zugang zur Gefühlslage und zum Ablauf von inneren Entscheidungsprozessen von Personen fehlt.

Für den literarisch arbeitenden Autor setzt diese Arbeit zwingend voraus, dass er sich die Sichtweise eines Einzelnen vollständig aneignet; er in dessen Existenz aufgeht. Dies gelingt ihm als Literat umso leichter, wenn sich Literatur engagiert. In ihrem Engagement, in dem ihr eigenen Aufbegehren des Einzelnen gegen den Lauf des Unrechts (oder wie im Roman „Dieser Sommer in Triest“, dem Verlauf einer unheilbaren Krankheit oder den kriminellen italienischen Familienstrukturen), beweist Literatur oftmals wahre Größe. Diese Größe der Literatur besteht in Demut. In Demut deshalb, weil dieser Kampf des Einzelnen gegen das Unrecht, die Krankheit und den Tod Teil unser aller Existenz ist und dieser Kampf niemals aufhört - und nicht endgültig gewonnen werden kann.

Das Scheitern in der Literatur hat deshalb nicht selten den Glanz des Heroischen. Mit einem Hauch dieses Glanzes und mit großem Anteil an Demut bin ich schreibend so älter geworden, mit „der Eselslast der Zeit und Krankheit auf dem Rücken“ (Ionesco), erzähle ich meine Geschichte. Und bevor im letzten Wartesaal des Alters uThalia Bonn Leseempfehlung Triest Roman 2018 Regalnd der Krankheit meine Kraft für die Fantasie versiegt, wollte ich mich von der Literatur überreden lassen, demütig immer aufs Neue daran zu glauben, dass diese, meine Welt zu retten oder zumindest zu verbessern wäre.

Diese Distanz, dieser Blick mit den fremden Augen auf ein Schicksal, das fremd ist, aber für dessen Entstehung und Dramatik man selbst die Fakten liefert, muss gewonnen werden, bevor das Schreiben an einem Roman beginnt. Von diesem Willen getrieben, über das, was mich in meiner Existenz getroffen hat, zu schreiben, bin ich neben mich getreten, habe ich mit den Augen der Viktoria Farber einen Blick über den Tellerrand der drückenden eigenen Befindlichkeit gewagt, mich in eine neue, mir fremde Umgebung begeben, um erzählen zu können, über Dinge, die ich damals für mich selbst noch nicht ganz in ihren Auswirkungen verstanden und in den Griff bekommen hatte und die auch heute nicht in Gänze fassbar und gestaltbar wären für mich.

So konnte ich dort lachen und weinen, wo ich es zwar wusste, dass jedes Aufbegehren gegen die Krankheit und das Alter chancenlos bleiben wird, das Leben aber dennoch Antworten (wie auf die Liebe, unsere Zukunft, unsere Bereitschaft, für etwas einzustehen und Verantwortung zu übernehnen), selbst auf jene Fragen, die wir uns nicht mehr stellen, abfordert und dabei noch nicht einmal eine Zumutung ist, sondern eine geschenkte Aufgabe, ein sich wiederholender Refrain der Zeit.

Dies wäre dann auch schon der Kern, auf den die Romanhandlung hinausläuft. Das chancenlose Aufbegehren und die nie endende Suche nach den großen Antworten auf die Fragen des Lebens, aufgeschrieben mit den Gedanken und Gefühlen des einzelnen Protagonisten der Erzählung, vorgetragen auf der Bühne des Lebens, der Wirklichkeit und der Fakten. Schreibend und vorlesend bitte ich um Nachsicht, da ich meine Instrumente für diesen Refrain der Zeit beständig stimme, um das Leben mit seinen wundervollen Möglichkeiten so lange es geht zu besingen und ihm gerecht zu werden. Die Fakten allein hätten mich verzweifeln lassen, die Erzählung hat mir zumindest neue Perspektiven und die Möglichkeit eröffnet, die eigene Unzulänglichkeit mit fremden Augen nachzuempfinden, um mich wieder „wahr“-zunehmen. Das positive Ergebnis möchte ich mit einer schlichten Wilhelm Raabe Äußerung zum Alter kommentieren: „So schönes Wetter – und ich noch dabei!“     (2019)

 

 

 

 

Kartoffelschälen

Säße ich im Sommer neben Großvater auf der Mauer unter den Apfelbäumen mit dem Kartoffeleimer zwischen den Beinen, um Geschichten zu angeln und hauchdünne Sätze zu schälen, denen wir später in dieser Pfanne auf dem offenen Herdfeuer knuspernd lauschten, wie es heute fast nur noch Taube und Zurückgebliebene vermögen. Nur wenige Worte trugen deine Sätze, Großvater, doch du musstest bei mir nicht vergebens um die Worte ringen, die sich wie die hauchdünnen Kartoffelschalen kringelnd in eine Schüssel senkten, um von mir später auf dem Kompost vergraben zu werden, wo danach der Pflaumenbaum dort reichlich Früchte trug. Die Kronen der gefällten Apfel– und Pflaumenbäume flüsterten die Fortsetzungen und Geheimnisse dieser Geschichten, in den blauen Sommerhimmel, wo heute Baumarktpflanzschalen auf Baumstümpfen vor Kummer begossen werden müssen, damit sie überleben.

 

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Udo Weinbörner, Autorenportrait privat

 

Der Schriftsteller in freier Wildbahn

Eine Fragebogengeschichte

„Ein Mensch wie Sie hat es gut, wissen Sie das?“ In seiner Stimme schwang ein Vorwurf mit. „Jeden Tag auf den Weg zur Arbeit, des Morgens in der Dunkelheit in überfüllten Vorortzügen, abends mit der Last der unerledigten Aufgaben müde zurückkehren. Sie schreiben? Ist das Arbeit? Wann schreiben Sie denn tatsächlich?“

Er hasste es, sich rechtfertigen zu müssen. Doch nichts fürchtete er mehr, als die Stille, wenn er allein vor seinem Schreibtisch hockte und die Nachbarn zur Arbeit gefahren waren. Er stellte sich den Wecker, um noch am frühen Morgen ein paar tröstliche Worte zu wechseln. Und jetzt das! Schon bereute er es, früh vor die Tür getreten zu sein. Er versuchte, freundlich zu antworten. „Neulich“, sagte sein Gegenüber, neulich habe er ihn schon am frühen Morgen im Garten flanieren und träumen gesehen.

„Auch das gehört zum Schreiben“, antwortete er kleinlaut und schämte sich für den Eindruck, den dies erwecken würde. Noch mordete er nicht, noch rann kein Blut über seine Manuskriptseiten. Entschlossen, seiner Antwort Nachdruck zu verleihen, ging er wieder ins Haus, sein langes, scharfes Küchenmesser zu holen. Sein Blick auf die Wanduhr, er notierte im Kalender: Arbeitsbeginn 6:30 Uhr.

Als er mit dem Messer in der Faust wieder vor die Haustür trat, waren die Nachbarn längst flüchtig. So würde das nie etwas mit dem Genrewechsel ins blutige Fach. Er eilte in sein Arbeitszimmer, las Hemingway und dachte dabei an überfüllte Vorortzüge. Das wenigstens würde seinen Stil schulen und ihn beruhigen.

Sein Mitbewohner, der pockennarbige Kosslowski, die Hauptperson in seinem historischen Räuberroman, stand verlottert und verlaust im Türrahmen des20170527 120405aeaeop Arbeitszimmers und grinste breit: „Na, Herr Schriftsteller, bei der Arbeit? Letzte Nacht, ein wildes Gelage und der Brand auf einem Hof. Dass er mir nicht zu blutleer wird, der Herr Stubenhocker mit den tintigen Fingern!“ Dieser Mensch hob drohend den Zeigefinger und lud ihn ein, das frische Diebesgut im Keller zu besichtigen.

„Warte nur, mein Lieber, bis es Abend wird!“, drohte ihm der Schriftsteller zurück. „Spätestens zwischen 19:00 und 22:00 Uhr jage ich dich mit dem Blau meiner Tinte über das Weiß des Papiers und mache dir die Räuberbraut mit ihrem tiefen Dekolletee und der schrillen Stimme abspenstig. Dann lebe ich gern wild und gefährlich, du kennst das ja!“ Der Schrecken stand Koslowski nach dieser Drohung ins Gesicht geschrieben und er versteckte sich einstweilen auf dem Dachboden.

Es wurde wieder grabesstill, der Kopf des Schriftstellers leer, und er füllte ihn mit den Buchstaben einer Morgenzeitung. Vielleicht sollte er verreisen. Eine Recherche. Diesen Teil der Arbeit liebte er, fand sich gewichtig dabei und wurde auf den verschlungenen Pfaden seiner Neugierde ernst genommen. Seufzend dachte er an die leere Geldbörse in seiner Jacke. Nein, zuerst musste er Rechnungen schreiben, sich um Termine für Lesungen bemühen. Geld musste her.

Vorwurfsvoll blickte ihn der Stapel weißer Seiten an, die es noch zu füllen galt. Blockade? Womit sollte er nur anfangen? Das Telefon klingelte. Ein Freund: „Schreibst du gerade? Sitzt du im Arbeitszimmer? Wo habe ich dich erwischt?“ Schriftsteller erzählte von den Nachbarn und dem Küchenmesser. Schon hörte er den wohlmeinenden Rat: „Geh mal raus. Unter Menschen, schreib in freier Wildbahn! Verkriech dich nicht an deine Lieblingsplätze in Haus und Garten und mache es dir nicht zu bequem. Du weißt, das bekommt deiner Sprache nicht. Raus mit dir, du faule Sau!“

Schöne Freunde hatte er! Die Faust geballt, bedankte er sich artig für diese guten Ratschläge. Wild entschlossen, bestieg er den überfüllten Vorortzug, fand keinen Sitzplatz und kritzelte fast unlesbar, halb im Stehen, halb gequetscht, zugemüllt von leeren Gesprächen und Handygeklingel, Worte, ja sogar ganze Sätze auf das Papier seines Notizblocks. Tauchte ab, wollte sich nicht gemein machen mit diesen sich aufdrängenden Selbstdarstellern der Arbeit. Was ging ihn die Beziehungskrise der kleinen Dicklichen an? Warum glotzte er auf das Display, das einen nackten Unterleib der Wochenenderoberung feilbot? Wie auf einem Hexenbesen raste sein Füller durch eine ferne Gegend und wärmte sich an einer wahren Liebe. Na, geht doch! Wäre doch gelacht, wenn nicht noch eine überlaute Gaststätte irgendwo? Seine Konzentration rebellierte, er schwitzte und kämpfte, die Seiten füllten sich. Am Abend hockte er vor dem Computer, verzweifelt bemüht, aus der unleserlichen Schrift und den ungeschliffen Formulierungen den Zusammenhang zu erschaffen, der ihm eines Tages zu Reichtum verhelfen könnte.

Wie kannst du nur den Überblick behalten? Dieses Chaos, du verzettelt dich!“ Neulich hatte ihm seine Frau einen Ratgeber geschenkt: ‚Simplify your life‘. Er hatte ihn gelesen und sogar damit begonnen, aufzuräumen, einen riesigen Stapel von Büchern auszusortieren und sich von einer Unzahl von Projekten zu verabschieden. Sie meinte es wirklich gut mit ihm!

Doch kaum kehrte sie ihm den schönen Rücken, tauchte dieser pockennarbige Koslowski mit seiner ganzen Karbousche, diesem ganzen verlotterten und lärmenden Gesindel auf und scherte sich einen Teufel um jede göttliche Ordnung. Wie sollte der Schriftsteller da nur den Überblick bewahren? Aus purer Verzweiflung erwuchs ihm die Kraft, dem Chaos zu widerstehen, einen jähen Schlusspunkt unter die Erzählung zu setzen und sich von diesen lästigen Mitbewohnern zu trennen.

Doch schon am nächsten Morgen saß irgendein zwielichtiger neuer Geselle mit am Frühstückstisch, und seine Frau wollte nicht glauben, dass er diesen Burschen wieder in seinem Arbeitszimmer schlafen ließe.

Anne und Udo Weinbörner im Café Franz in Köln Januar 2019 komprimiertDer Schriftsteller beeilte sich. Hastig holte er Straßen- und Landschaftskarten aus den entlegensten Winkeln seines Arbeitszimmers hervor, breitete diese auf diversen Tischen aus und beugte sich mit seinem neuen Gast darüber, um mehr von seiner Herkunft und seinem Schicksal zu erfahren. Im Internet fand er alte Bilder und der neue, ungebetene Gast begann zu erzählen von Hungerszeiten und Kindertagen, Kriegsnächten, wilden Liebschaften und langen Wegen über das Eis der Berge und durch die sandigen Ebenen des Nordens und Südens. Ja, das wäre eine Geschichte! Überglücklich hing der Schriftsteller dem Fremden an den Lippen. Auf großen Blättern versuchte er, mit Skizzen die Zeitabläufe, Ereignisse, Wege und flüchtige Gedanken festzuhalten. Wie ein Ertrinkender bei Sturm auf hoher See entstanden seine Skizzen.

Der Nachbar klingelte und hinterließ eine Nachricht, als der Schriftsteller nicht öffnete. Er müsse eine Rede halten und ihm fehlten die Worte, stand auf einem Zettel. Schriftsteller kritzelte verärgert auf das Papier, er möge in den Garten gehen und träumen, faltete dieses zu einem Papierflugzeug und warf es aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im ersten Stock Richtung Nachbargrundstück, wo es sanft bis zur Terrasse segelte.

Ob er bitte heute Abend den Müll…? „Die gelbe Tonne, diese Woche!“, rief ihm seine Frau zu, als sie das Haus verließ, nicht ohne den Fremden noch einmal misstrauisch anzuschauen.

„Welcher Müll?“

„Unrat, Pestilenz“, antwortete der Fremde, „Ratten, riesenhafte Viecher, die dir den letzten Bissen Brot streitig machen und dir die Ohren abbeißen, sobald du dich zum Schlafen legst.“ Das Grausen ließ ihn frösteln. Er griff zum Äußerten, zum Füller, richtete die Spitze, entschlossen, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, auf die riesige Fläche des ungelebten Lebensblattes…, nicht jedoch, ohne zuvor doch…, einen Blick auf den Computerbildschirm...

Eine Kollegin versendet per E-Mail einen Fragebogen zur Arbeit und zum Leben des Schriftstellers. Die Fragen erreichen ihn noch, bevor er dem Fremden in sein finsteres Verließ folgt und an den Ketten der Autoren-Knechtschaft zerrt und rasselt. Wer kann in solch verzweifelter Lage noch am Computer hängen und Fragen beantworten? Warum und wozu? Die Freiheit will ans Licht und der Schriftsteller in die freie Wildbahn!

Ist der Fragebogen wirklich für ihn bestimmt gewesen, ein Licht in grausamer Finsternis? Die Kollegin fragt nach der schreibenden Einsamkeit. Den Schriftsteller dürstet, sein Hungerwolf, der kollert und schreit. Einsamkeit… schreit… Wieder ein Reim! Angewidert trollt sich der Fremde in eine Ecke und rollt sich in eine Decke, um am helllichten Tag gottserbärmlich zu schnarchen.

„Schreibe ich, arbeite ich, bin ich Schriftsteller?“, fragt der Schriftsteller ängstlich seinen Agenten, der ganz gut von der Hoffnung lebt, dass der Schriftsteller in freier Wildbahn, sich wild und gefährlich seinem frühen Dahinscheiden zu widersetzen versteht. Lebt…versteht… Schon wieder ein Reim…

Das mit dem Fragebogen zum Schriftstellerleben lässt er wohl besser sein, denkt er sich still und grinst gemein. Also schreibt er ihr: Frei bin ich nur auf dem Papier! Daher schreibe ich von aller Herrgottsfrüh bis nachts um vier, mehr sag ich nicht und hoffe, du verzeihst auch mir.

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Versuch über die Kurzgeschichte

Wer kennt den Platz zwischen Novelle und Skizze? Pardon, man liest heute Romane, Kriminalromane sogar. Kurzgeschichten sind vielleicht in Anthologien zu regionalen Mordansammlungen populär. (Und schaut man genauer hin, sind es am Ende dann doch Erzählungen.) Aber der Platz zwischen Novelle und Skizze … Muss das sein? Ich überlasse das Auffinden dieses Stuhls lieber den Literaturwissenschaftlern und nähere mich der Kurzgeschichte ganz profan als Handwerker.

Anhaltspunkt könnte hier der Umfang sein. Bei der Ausschreibung von Kurzgeschichtenpreisen wird die Kurzgeschichte bei einer Seitenzahl von drei bis maximal zwölf eingeordnet. Das entspricht ihrer Herkunft aus dem amerikanischen als literarische Gattung im Rahmen einer ZeitungsSchillers Büste gefertigt von Dannecker Kopielektüre. Diese Beschränkung des Erzählens auf engstem Raum zwingt den Autor unweigerlich zur Reduktion seiner Stilmittel, zu Andeutungen und zur Komprimierung von Handlungssträngen und größtenteils auch zum Weglassen von wörtlicher Rede. Insofern besteht die Kurzgeschichte in einer Art wortgewordene Momentaufnahme, aus einem geheimnisvollen Fragment, das mehr andeutet als verrät. Sie steht auch in der erzählenden Literatur als Kunstform ziemlich einsam auf dem Podest schriftstellerischer Kunstfertigkeiten. Sie steht im Ergebnis häufig damit der Lyrik näher als der Prosa und fordert ihrer Leser in besonderer Weise heraus, mitzudenken, zu interpretieren und zwischen den Zeilen zu lesen.

Ein beliebtes Stilmittel der Kurzgeschichte und gleichsam der Ausgangspunkt für alle notwendigen Komprimierungen ist der sogenannte ‚jump in the story‘. Ein Protagonist tritt aus einem unerwarteten Augenblicksereignis in die Zeit der Erzählung ein. Mit seiner ersten Reaktion erschafft er die ihn umgebende Wirklichkeit. Dabei wird das entscheidende – auch der Komprimierung wegen – nach innen verlegt. Wendungen und Pointe der Geschichte werden vom Ereignis zu Anfang aus gesehen, über den gesamten Fluss der Geschichte verteilt und sichern so den Spannungsbogen. Eine Kurzgeschichte hält die Wirklichkeit in der Schwebe und endet deshalb häufig in unfertigen Schlüssen oder in einer Art ‚cliff hanger‘.

Den Kurzgeschichtenerzähler interessieren vor allem solche Ereignisse, die wie ein Stein, der ins Wasser fällt, Kreise ziehen und die so bedeutsam sind, dass der Protagonist Farbe bekennen muss oder gezwungen wird, sich infrage zu stellen. Er wird mit einer Wahrheit konfrontiert, die ihn im Moment, 2 dsc 0103hier und jetzt, innehalten lässt, die ihn zur Reaktion zwingt. Anstatt zu enden, hört die komprimierte Reaktionshandlung der Story einfach auf und überlässt Deutung und Interpretation dem Leser. Sie ist stets der Wirklichkeit zeitlos näher als dies die anderen Gattungen und Erzählhaltungen der Literatur vermögen. Sie ist ein Stück herausgerissenes Leben – was sie mitzuteilen hat, das macht sie in jeder einzelnen Zeile.

Sie zeichnet sich durch eine Einheit in der Zeit, eine einfache Sprache und eine klare einheitliche Erzählhaltung aus. Alles Mittel der Verknappung und Komprimierung. Je näher die Geschichte in der Verknappung dem Protagonisten auf den Leib rückt, je engagierter und wirklichkeitsnäher gerät die Kurzgeschichte. Nicht der Mensch, wie er sein könnte, steht im Mittelpunkt der Erzählung, sondern der Mensch, wie er unfertig, mit Fehlern behaftet, ist. Die Kurzgeschichte zwingt den Autor zur Wahrhaftigkeit und macht ihn, wenn sie gelingt, authentisch erlebbar für seine Leser.

Immer wird dem Autor wichtig sein, wie sein Protagonist handelt. Seine Handlung, nicht seine Gedanken stehen im Vordergrund. Dialoge, falls sie überhaupt vorkommen, werden nur angerissen, untertreiben raffiniert, denn in jedem Satz schwingt eine Andeutung mit. Nichts wird erklärt, das allermeiste aber ausgelassen. Keine Parallelhandlungen, keine Nebenpersonen, die selbstständig eingeführt werden, die Geschichte wird ausschließlich von der Hauptperson her gesehen. In ihr wird jeder Satz wichtig, jede Handlung bekommt ihre Bedeutung – gerade auch wenn sie banal ist. Da die Kurzgeschichte nicht abwägt, sondern darstellt, ist sie besonders dort erfolgreich, wo sie soziale Missstände anprangert und sich engagiert. In der erzählenden Literatur ist sie sicherlich das dichteste und kunstvollste Wortgebilde, das jeden Schriftsteller irgendwann herausfordert. Ihrer engagierten Ausrichtung wegen liebe ich sie sehr.

NUMMER 23 - oder: Unteilbar ist die Liebe

                      - Kurzgeschichte -

Es musste doch für etwas gut sein, wenn man so aussah wie Vince. Wahl- und skrupellos verführte er als eloquenter Lügner die begehrenswertesten Frauen, koordinierte leidlich die Termine mit seinen zahlreichen Geliebten. Dabei bekannte er stets beim ersten Treffen, ein notorischer Lügner und unfähig zur Liebe zu sein.

Auch Jasmin jagte und begehrte er auf diese Art. Doch unmerklich faszinierte ihn etwas an ‚Jazz‘, wie er sie zärtlich nannte, das über das Körperliche hinausging. Es gelang ihr sogar, dass er seine Verhältnisse aufgab, um sie nach Lissabon zu begleiten. „Damenprogramm“, witzelte Jazz. Er befürchtete, sie würde sich falsche Hoffnungen machen, beschwor sie geradezu: „Ich kann mich nicht verlieben.“ Doch sie bestand auf der Reise: „Wir können uns ja danach trennen. Es wird zauberhaft, du wirst schon sehen.“

Obwohl Vince dieses weibische ‚zauberhaft‘ nicht wörtlich nahm, spürte er eine ihm fremde Ruhelosigkeit. Er zog Bilanz: Jazz war seine 23 Geliebte. Er ging die Reihe all der Frauen und Mädchen durch und fragte sich, ob es eine jede von ihnen wert gewesen war. Der Gedanke an ihre Verschiedenartigkeit erregte ihn nicht mehr, Vince fühlte sich müde und gelangweilt. Er nahm sich vor, künftig etwas wählerischer zu sein.

Elevator Lissabon Portugal Udo WeinbörnerAm Tag vor der Abreise, entdeckte er Jazz am Steuer ihres roten Sportcabrios vor einem teuren Restaurant. Durch den Regen, der auf die rückwärtige Scheibe prasselte, hatte sie schlechte Sicht beim Einparken, wandte daher ihren Blick nach hinten. Dann stieg seine Geliebte aus dem Wagen, machte einige rasche Schritte in seine Richtung. Sie schien ihn jedoch nicht bemerkt zu haben, blickte in eine andere Richtung, aus der sich ein junger Mann zwischen sie beide schob. Ein Kerl, dem Jazz mit beiden Armen um den Hals fiel, um ihn zu küssen. Er hörte sie lachen, beobachtete, wie sie zusammen davonfuhren. Die Eifersucht stach ihm wie ein Messer in die Rippen.

Unschlüssig, ob er noch mitreisen sollte, saß er ihr am späten Abend gegenüber. Doch schon erklärte Jazz lächelnd: „Es ist so schön, dass du nicht in mich verliebt bist. Ich hasse jede Art von Versteckspiel. Lorenz heißt mein kleiner Freund, den ich vor einer Woche aufgetan habe. Nichts Ernstes.“ „Hast du Lorenz von uns erzählt?“, wollte Vince wissen. „Warum nicht? Ich glaube, er war ziemlich eifersüchtig auf dich. Sei mir nicht böse, aber heute Abend brauche ich ein wenig Ruhe.“

„Selbstverständlich“, erwiderte Vince. Tatsächlich setzte ihm die Vorstellung von Jazz in den Fängen des Jünglings heftig zu. In dieser Nacht fragte sich Vince, ob auch er nur einen Ausschnitt aus Jasmins Synopsis eines Beziehungsgeflechts bildete, das bei ihm immerhin bis 23 reichte. Reichten ihre Beziehungen etwa über seinen Erfahrungswert hinaus?

Doch als sie am nächsten Tag gemeinsam im Hotel Mundial, in Lissabon eincheckten, war Vince der aufmerksamste aller Reisebegleiter. Sie entschwebten mit dem altehrwürdigen Elevador da Santa Justa, auf die Höhe der Altstadt, genossen den Ausblick auf den Tejo, aßen Fisch, gingen anschließend spät abends noch ins Brasileria und lauschten den Fadoklängen der Musikanten. Dann hatte es Jazz eilig, sie sprangen als letzte in die gelbe Linie 28 der Straßenbahn, die vor dem Hotel Mundial ihre Endstation anfahren würde. Die überfüllte Bahn war die preiswerteste Art einer Stadtrundfahrt. Noch in der Hast meinte Vince, statt der 28 auf dem Schild die Zahl 23 erkannt zu haben, aber eine solche Linie gab es nicht. Er maß der Sache keine Bedeutung bei. Im Mundial zog ihn Jazz aufs Zimmer, wo sie sich leidenschaftlich liebten.

Am Sonntagnachmittag wirken beide übermüdet, als sie auf dem Parca do Comércio vor dem Finanzministerium den Bus bestiegen, der die Konferenzteilnehmer zu einem Empfang ins 23 km entfernte Sintra befördern sollte. Königspaläste, Parks, die Sommerresidenz der Royals – und das um 1800 erbaute Café Paris mit seinen blauen Fliesen an der Außenfassade, das mit seinem vollverspiegelten Raum, Kronleuchtern, edlem Tafelsilber einen stimmungsvollen Rahmen abgab. Der Spiegelsaal war für den Stehempfang vorbereitet, durch die angrenzende Bar, gelangte man in den weißen Salon, der für das Abendessen eingedeckt war.

Vince, nur Begleiter, beobachtete Jazz und fragte sich, was sie zu seiner 23 Geliebten hatte werden lassen. Die letzte Nacht der Leidenschaft schien etwas in ihm ausgelöscht zu haben. Ich kenne sie doch gar nicht, dachte er, betrachtete sich in den uralten Spiegeln des Raums und spürte Unbehagen, mit ihr ins Hotel zurückzukehren. Vince begann, nach Weißweingläsern zu greifen, ohne sich betrinken zu wollen. Dann bemerkte er, wie sie über einige Entfernung in seine Richtung deutete. Das Licht der Kristallleuchter brach sich zusammen mit den rötlichen Strahlen der untergehenden Sonne in den Park in Portugal Udo Weinbörner 2017Wandspiegeln und färbte die Szenerie seltsam blutrot ein. In Jasmins Geste lag sogar etwas Bedrohliches und ihr Blick, der ihn traf, war von einer durchdringenden Kälte, die großen Schicksalsschlägen oder der Ankunft von Gespenstern vorausging. Vince erschrak. Ihr Verhältnis kam ihm erneut in den Sinn. Vielleicht war sie seiner überdrüssig … Der Gedanke missfiel ihm.

Im weißen Salon fand Vince in der hintersten Ecke der Tafel Platz. Seine Tischnachbarn waren freundlich, aber fremd, ausgelassen und laut. Kurz darauf betrat eine junge Frau den Raum und begann mit einem der Männer ein Gespräch. Sie war eindeutig anders als die anwesenden Frauen, jünger, hübscher, besaß einen aufregenden dunklen Teint, sie trug weiße Turnschuhe und ein luftig schwingendes Sommerkleid. Ein weiteres Gedeck kam. Sie aß mit gutem Appetit. Vince starrte sie an. Eine gutaussehende junge Frau, hungrig und freundlich, selbstbewusst genug, zu speisen, obwohl sie nicht zu den geladenen Gästen gehörte. Sie parlierte mit diesem und jenem drauflos. Vince war fasziniert, alle anderen weiblichen Wesen verblassten neben ihr. In seinem Kopf begann der Jagdinstinkt sein altes Spiel und ließ ihn binnen weniger Minuten einen Entschluss fassen. Vince musste diese Frau kennenlernen! Er entschuldigte sich bei Jazz, er wolle noch ein wenig umhergehen, mit dem Taxi zurückfahren. Es war verblüffend, wie überzeugend ihm die Lügen über die Lippen kamen.

Als Vince die Gesellschaft vorzeitig verließ, sah er für einen kurzen Moment die schöne Fremde ganz in der Nähe von Jazz stehen. Täuschte er sich? Vince wartete im Schatten einer Seitengasse. Nach wenigen Minuten erschien die junge Frau ohne Begleitung und lief die Straße hinauf. Dort befand sich an einem Berghang inmitten eines großen Parks in etwas mehr als 1 km Entfernung der 1900 errichtete Palast Quinta da Regaleira. Vince hielt Abstand, bemüht, sich ihrem Schritttakt anzupassen. Ihr helles Sommerkleid hob sie stets deutlich von den Schatten der Hauswände ab. Bald hatten sie den Ortsrand passiert. Vince entschloss sich, den Abstand zu verringern. Jeden Moment konnte sie in einem Eingang verschwinden. Sie musste ihn doch mittlerweile bemerkt haben!

Vince erkannte tatsächlich jenseits der Mauern den Palast und die Parkanlage, die geschlossen waren. Verblüfft blieb Vince einen Moment stehen. Da ging sie auf das Tor zu, das tagsüber den Besuchern als Ausgang diente. Der Klang eines Schlüsselbundes! Er folgte ihr im Laufschritt. Das war überfallartig! Keinesfalls sollte sie ihn aus Furcht abweisen. Er hielt Abstand, sodass er nicht als Bedrohung begriffen werden konnte, erklärte inStraßenbahn Lissabon Udo Weinbörner 2017 Englisch, er habe sie auf dem Empfang im Café Paris getroffen.

„Sie sind mir gefolgt.“ Nur eine Feststellung von ihr, keine Frage. Vince glaubte, dass sie es auf dieses Treffen angelegt hatte. Er war jetzt ganz bei sich: Blitzschnell denken, ein Raubtier auf der Jagd. „Ich musste dich kennenlernen. Ich heiße Vince.“ Ihr Gesicht im Halbschatten nur undeutlich zu erkennen. „Du bist unwiderstehlich schön.“

„Was macht Ihre Frau heute Abend?“

„Ich war nie verheiratet, aber – zugegeben: meine Begleiterin fährt zurück nach Lissabon.“

„Sieh an, sieh an, Vince, wenigstens sind Sie klug genug, mich nicht anzulügen. Übrigens, Antonia. Ich arbeite im Museum.“ Sie trat ins Mondlicht. Vince starrte wie hypnotisiert in ihre dunklen Augen. „Was ist nun? Wollen Sie mit rein?“ Wieder entschuldigte er sich. Sie verschloss das Tor hinter ihnen.

Vince riskierte alles: „Also, ich bin nicht gebunden und möchte lieber mit dir schlafen.“ Antonia starrte ihn ein wenig sprachlos an. Das war schon ein krasser Satz. Dann lachte sie: „Wenigstens ehrlich, Vince. Die Wievielte wäre ich?“

„Ist das wichtig, …?“, wunderte sich Vince.

„Für die 13 wäre ich zu abergläubisch – als 10 würde ich mich leichtfertig fühlen. Wie steht es mit Liebe und Wahrheit?“, Antonias Hand berührte ihn auf der Schulter. Für einen Moment dachte er intensiv an Jazz und ihm war wieder bewusst, warum er sich in sie verliebt hatte. „Aufrichtige Antwort: Nummer 24. Von Liebe war nie die Rede.“ Sie verwundert: „Ohne Nachzurechnen, was ist davon zu halten?“

„Ich habe Anlass gehabt, Bilanz zu ziehen. Warum sollte ich nicht mit dir schlafen wollen? Du bist begehrenswert“, antwortete er mit großem Ernst.

„Warum denn nicht …“, sagte Antonia, was keine Frage war, aber in ihrer Betonung auch nicht wie eine Antwort klang. „Ich gehe ein Stück voraus. Fremde sollten hier jetzt niemandem begegnen, Vince.“ Sie ging in einem weiten Bogen links vom Schloss durch den nächtlichen Park, bevor sie sich dem oberen Eingang näherten. Schatten und Licht auf dem Weg narrten offenbar die Wahrnehmung. Antonia war schnell unterwegs. Vince, bekam Schwierigkeiten, den Anschluss zu halten und meinte einige Male, sie schwebe die Parkwege entlang. Eine gespenstische Atmosphäre. Tatsächlich lief er das letzte Stück, jede Vorsicht außer Acht lassend. Es hätte ihn verwundern können, dass die Türen weit offenstanden, aber er schaute nur Antonia hinterher, wie sie von der Dunkelheit des Hauses verschluckt wurde. Wenige Sekunden später stolperte er in einen Raum völliger Finsternis. Er sah nichts mehr von der jungen Frau. Er hörte auch nichts von ihr, keine Schritte, nicht ihre Stimme, keine Geräusche, nichts. Es herrschte eine Stille, wie sie auf dem Mars herrschen musste, wenn es dort tatsächlich still war. Vince verharrte in der Hocke lauschend. Dann gelangte er Well in Lissabon Einweihungsstätte Udo Weinbörner 2017bis zur nächsten Tür und fand einen Lichtschalter. Ein unerwartet greller Lichtblitz ließ ihn blinzeln. Dann erschrak er zutiefst, als er sich selbst entgegenkommen sah. Irgendwo im Dreidimensionalen erwartete ihn Jazz in ihrer verführerischsten Pose. Je länger er erstarrte, desto enger umschloss ihn diese Szenerie. Was war das? Er tastete nach vorn, meinte noch, eine Leinwand oder einen Spiegel vorfinden zu müssen, stattdessen griffen seine Hände ins Leere. Er suchte einen Ausweg. Da entdeckte er eine Tür mit der Nummer 23, jagte in diese Richtung, hörte jetzt Antonias Stimme, wie sie ihn rief. Kaum erreichte er die Tür, kam er sich selbst erneut entgegen. Auch hier verfolgte ihn Jazz mit ihrem Blick und er begegnete einer Geliebten. Diese Begegnungen lösten nach und nach Panik in ihm aus. Längst hatte Vince begriffen, dass er niemals mit Antonia schlafen würde. Aber es gab kein Zurück, denn jedes Mal, wenn er umkehren wollte, befand sich hinter ihm eine undurchlässige Wand. Antonias Stimme und die Blicke von Jazz trieben ihn bis zur absoluten Erschöpfung weiter und weiter.

Im oberen Teil des Parks der Quinta da Regaleira gab es diesen großen geheimnisvollen Brunnen ohne Wasser. Eine Wendeltreppe führte über neun Ebenen auf den Grund hinunter. Dieser Brunnen sollte einstmals als Initiationsstätte für Freimaurer errichtet worden sein. Auf seinem farbigen Grund fand man am nächsten Morgen, den bewusstlosen Vince völlig nackt. Wer konnte schon sagen, was sich wirklich zugetragen hatte. Der Zwischenfall erregte Aufsehen, weil der Mann eine Vertreterin der deutschen Delegation begleitet hatte und beide noch während ihres Aufenthaltes in Portugal heirateten. Die Ausstellung im Palast über die 23 Variationen der Liebe wurde ein Erfolg. Die junge Künstlerin Antonia erklärte auf die Frage eines Reporters, warum sie 23 Variationen gewählt habe, der Zauber der Liebe brauche mehr als einen Versuch und die wahre Liebe sei unteilbar.

                      (c)2018 Weinbörner, Udo

 

Der Fluss, die Insel und das Flugzeug

 - Kurzgeschichte -

 

Ein Blatt Papier – rein weiß – unbeschrieben, welch ein Glück am frühen Morgen, wenn die Gedanken wandern gehen und alle Dinge grüßen wie am ersten Tag, als ließe mich die Erinnerung die Welt neu erfinden, setzen sich die Sätze zu mir, um mir von Geschichten zu flüstern, uralt, groß und herzerweichend wahr, die das Wasser des Schlafeflusses, dieses mächtigen Stromes der Träume teilen, genau dort, wo es all die Wege gibt, zu jenem rettenden Ufer, von dem man mir erzählte, wer dort auf der Insel heimisch würde, so sagte man, dem schiene die Sonne ewig.

Ich weiß, dass ich jetzt ernsthaft schreiben sollte, aber ich lasse die Geschichten an mir vorüberziehen, all diese ungelebten Tage, geboren von einer ungeheuren Sehnsucht auf der Welt. Unmäßig könnte ich werden, bei den erloschenen Farben in der Nacht und diesem Leben, das mich nie zu Atem kommen lässt, mit den ungezählten Büchern, die mit ihren Farben aus meinen Regalen quellen, um mir auf ewig ihre Treue zu schwören.

Es ist der zweite oder dritte Frühlingstag an einem Morgen, und er war bereits eine ganze Zeit lang Morgen, als das Flugzeug kommt, um mich zu holen.

So stirbt man also jeden Tag, inmitten von diesem Flüstern ungeschriebener Geschichten, wenn das Wasser zurückkommt, die Flut ist pünktlich und die Wege zu dem Ufer der Insel kaum noch zu erkennen. Bis Mittag bleibt mir noch Zeit genug für einen Versuch, das Überflüssige herauszustreichen, sodass die kurzen Sätze in einen perfekten Absatz passen, in dem sich endlich alles aufrichtig fügen könnte, wenn ich es nur richtig anfinge. Was habe ich nicht alles angestellt für ein wenig Luxus und Bequemlichkeit? Weißt du noch? Schreibe ganz vorsichtig. Überzeugt davon, ich kann das mit dem Absatz, auch wenn es an diesem Morgen ein wenig spät ist.

Sie haben mir tatsächlich dieses Flugzeug geschickt. Ich werde noch einmal meine geliebten Berge sehen und die Insel. Nicht jeder kann fliegen.

Ich steige ein, nehme mir vor, dankbar zu sein, ein guter Mensch. Vielleicht müsste es Regen geben, sage ich mir, als der Flieger abhebt und das ewige Blau den Himmel uninteressant macht. Als er an Höhe gewinnt und ich aus dem Fenster schaue, brummen die Motoren und alles, was ich geschrieben hatte, wird unter mir zu winzigen Punkten und Strichen.

 (c) 2020 Udo Weinbörner

 

LESEPROBE aus:

"Lieber tot als Sklave/Die letzte Fahrt des Amrumer Kapitäns Hark Nickelsen", historischer Roman, Wellhöfer Verlag

An Bord einer Schaluppe

von

Udo Weinbörner

 

Eine Schaluppe ist ein kleines, einem Kutter ähnelndes Segelboot mit einem oder (seltener) zwei Masten, das oft als größeres Beiboot verwendet wird. In dem vorliegenden Abschnitt sind sieben Sklaven gefesselt an Bord und der Versuch der Weißen in den mitgeführten Fässern Trinkwasser aufzunehmen, ist vor zwei Tagen gescheitert. Auch die Bordverpflegung für die 10 köpfige Besatzung ist aufgebraucht. Man ist in einen Sturm geraten und hat Sichtkontakt zur Küste verloren. Es gibt einen vereinbarten Treffpunkt mit dem Mutterschiff, dem Dreimastsegler 'Vesuvius', aber man ist sich wegen der eigenen Position im dichten Nebel schon nicht mehr sicher. Die Männer unter dem Kommando des frischgebackenen Zweiten Offiziers der 'Vesuvius' sind bereit, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, um ihr Überleben zu sichern. Die Verzweiflung ist grenzenlos – eine existenzialistische Ausgangslage.

Die Männer an Bord der Schaluppe sprachen nicht mehr viel, sparten ihre Kräfte oder ließen sich in depressiver Hilflosigkeit dem Ende entgegentreiben. Die Übrigen, welche die Stadien der Fantasien und Wahnvorstellungen bereits das erste oder zweite Mal hinter sich gelassen hatten, belauerten sich, bereit, Beute zu machen und um des Überlebens willen, jedem an Bord an die Gurgel zu gehen. Tade Rickerts und Ole Jessen gaben nicht auf. Im Wechsel saß einer von ihnen selbst auf der Ruderbank und pullte, während der andere, seine Waffe griffbereit neben sich liegend, das Boot überblickte und Kurs hielt. Aber auch sie fühlten sich längst gottverlassen und Zweifel nagte an ihnen, ob sie sich nicht geirrt hätten bei der Positionsbestimmung, bei ihrem Kurs, ob sie nicht längst Todgeweihte wären. Ein weiterer Tag in der Schaluppe, den Wellen preisgegeben und dem Wind, der seine Richtung wechselte und sie deshalb nicht rasch genug in die Nähe der Küste brachte. Ein Tag mit Sonne und brennendem Durst, dem unermesslichen Meer, das schläfrig machte, letzte Kräfte aufsaugte. Für Stunden zogen sie schließlich die Ruder ein, sparten Kräfte. Sie dämmerten im Halbschlaf auf dem Bauch, vermieden so, dass ihnen Möwen ins Gesicht pickten. Verdammt noch mal, wo Möwen waren, gab es eine Küstenlinie! Warum sahen sie diese nicht? Warum kamen sie nicht an? Dann war es Rickerts erneut, als ob er ein Geräusch gehört hätte. Er hob unter übermenschlicher Kraftanstrengung den Kopf, stemmte sich auf seinen Armen hoch und spähte über die Bordwand. Sah aber nur dieses glitzernde Meer, in dem sich Abertausende von Sonnenstrahlen brachen, deren Helligkeit in den Augen schmerzte. Am späten Abend vor Sonnenuntergang, stritten sie sich mit letzter Kraft und Rickerts lenkte ein, ließ sich, um des Friedens willen, zu einer Kurskorrektur überreden. Es wurde kühler, und bis in die Finsternis hinein griffen sie alle noch einmal zu den Rudern. Aber eine weitere bitterkalte Nacht brach über sie herein, ohne dass sie irgendwo angekommen wären.

Der nächste Morgen begann mit einer absoluten Flaute inmitten eines dichten, kalten Nebels. Irgendwo über ihnen musste die Sonne scheinen, aber sie konnten sie nicht sehen. Ole Jessen und Tade Rickerts blickten sich an und brauchten keine Worte, um zu wissen, dass dies ihr letzter friedlicher Tag sein würde. Mohr verteilte ein Schlafpulver, das er für Verletzungen in seinem Medizintäschchen mit sich führte. Mit diesem Pulver betäubte er jene, die ihm am aggressivsten schienen. Aber am Ende dieses Tages, der ohne Orientierung und ohne Hoffnung im Nebel begann, würde es nur noch ums nackte Überleben gehen. Rickerts kroch zur Mitte der Schaluppe, zog sich am Mast hoch, verschnaufte dort eine Weile, dann begann er, ein Kirchenlied zu singen: "Großer Gott, wir loben dich …!" So laut es ging und aus voller Brust sang er. Tatsächlich stimmten einige von der Mannschaft ein. Die Schwarzen suchten einen Rhythmus in den Versen, zu dem sie hätten klatschen können, fanden aber keinen und schauten mit großen Augen zum Mast hin, als hätten sie eine Erscheinung gehabt. Rickerts spürte, dass seine Beine wackelten, er wusste nicht, wie lange er noch dort am Mast stehen könnte, aber er sang und betete weiter und weiter. Niemand hinderte ihn daran, und seine Stimme wurde über die gekräuselten Wellen des Meeres in die Nebelwand hineingetragen. Während er so stand, sang und betete, funktionierte plötzlich sein Verstand wieder, es kamen und gingen sonderbare Gedanken, die er nicht gerufen hatte. ‚Der Weg auf dem Land ist fest und der Wasserweg ist wandelbar. Der Weg auf dem Land ist starr und unser Weg auf dem Wasser beweglich. Die Landwege sind genau bezeichnet, aber der Wasserweg auf dem Meer bleibt ewig unbekannt.‘ Er erinnerte sich an seine Unterrichtsstunde in Navigation – und Schifffahrtskunde bei einem alten ehemaligen Kapitän in Föhr, wie dieser aus dem Handbuch der Schifffahrtskunst zitiert hatte [nach Martin Cortés]. Er hatte sein Leben auf eine Illusion begründet, auf dem Wasser sein Haus gebaut! Er blieb ein von Gott verlassener Narr! "Befiehl du deine Wege und was dein Herz kränkt, der aller treuesten Pflege, des der den Himmel lenkt, der Wolken, Luft und Winde, gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, wo dein Fuß gehen kann …" Den letzten Vers wiederholte er murmelnd, dann sank er zusammen und kauerte mit dem Rücken am Mast. Seine Gedanken arbeiteten an einer Liste, was er alles zu erledigen hätte, wenn er nach Amrum zurückkäme …

Der Tag, hoffnungslos wie der vergangene. Doch plötzlich kam eine frische Brise auf, war dort in der Ruhe, ein Aufziehen des Wetters zu spüren, die Wellen schlugen an der Bootswand hoch. Ole Jessen und Mohr kamen herüber, um Segel zu setzen. Rickerts blieb vor dem Mast sitzen und schaute ihnen zu. ‚Wie lange konnte man seine eigene Pisse noch trinken, wenn man absolut nichts mehr zu sich nahm? Vergiftete man sich irgendwann an sich selbst?‘ Gedanken dieser Art beschäftigten ihn jetzt, seit er Mohr ein Erfrischungsgetränk solcher Art hatte zu sich nehmen sehen. Vor ihm, Steuerbord voraus, war für einen kurzen Augenblick der Schein von Lichtern zu sehen gewesen. Ganz deutlich, als der Wind die Nebelwand aufriss. Dieser Lichterschein war sehr rasch wieder verschwunden und schon unwirklich geworden, als Rickerts blinzelnd genauer hinsah. Jetzt starrte er aufgewühlt weiter in diese Richtung. Vielleicht waren es Hütten, gar eine ganze Ortschaft? Er dachte nach. Oder es konnte auch ein Schiff gewesen sein. Denn es gab mehrere Arten von Lichter in einer Nebelwand, aber bei denen, die er gesehen hatte, handelte es sich größere Laternen. Bei einem Schiff mit solchen Laternen handelt es sich um kein Fischerboot. Je länger Rickerts darüber nachdachte, kam er zu dem Schluss, dass es dann ein Kriegs– oder Handelsschiff sein müsste, welches wie sie in Küstennähe führe. Waren es also die freundlichen Lichter einer Küstenlinie gewesen oder die mörderischen eines Schiffsriesen, der vielleicht in diesem Moment schon geradewegs auf sie zuhielt, um sie bei einer Kollision zu zermalmen? Wie irre begann er plötzlich: "Licht!", zu schreien: "Ich habe verdammte Lichter gesehen! Schiffslaternen! Steuerbord voraus!" Einige lachten wie blöde vor sich hin und meinten, es handele sich um einen schlechten Scherz. Manche hielten Rickerts schon seit Längerem für durchgedreht. Andere begannen zu grinsen. Die Soldaten griffen zu den Gewehren und schossen jetzt in die Richtung, in die er gedeutet hatte. Der Nebel schien die Schussgeräusche zu dämpfen und schließlich zu schlucken.

Mohr und Jessen krochen zu ihm hin: "Wo, Tade? Lichter? Sag schon!" Er deutete etwas vage nach vorn, irgendwo ins Ungewisse. Dann sahen auch sie die Lichter für wenige Augenblicke. Keine Frage, es musste sich um ein Schiff handeln, und es war näher gekommen, als Rickerts es angedeutet hatte. Ein Schiff, ein richtiger Brocken von einem Schiff, das wie sie in Küstennähe unterwegs war, bereit, ihnen den Garaus zu machen. Ein halbes Dutzend, wenn nicht gar mehr mörderische Lichter!

"Was meinst du, Ole?", keuchte Rickerts.

"Ich habe sie auch gesehen! Ganz deutlich! Ein großes Schiff! Was hat das zu bedeuten?" Die Bedrohung, die Mohr jetzt spürte, schien in ihm neue Kräfte freizusetzen und er reagierte aufgeregt.

"Ein verdammt großes Schiff wird uns in weniger als fünf Minuten vielleicht auf den Grund des Meeres befördern. Das könnte es bedeuten", antwortete Jessen und wurde kreidebleich dabei.

Rickerts hielt seinen Zeigefinger in den Wind, schätzte so Windrichtung und Windstärke. Auch ihre Schaluppe machte jetzt Fahrt. "Der Wind hat auf achtern angedreht", hörte Mohr jetzt den Ole Jessen sagen. "… Ein Handelsschiff, nehme ich an. Ganz sicher wird der Kapitän die Stagsegel streichen lassen, wenn er sie geführt hat. Er wird nicht zu viel Fahrt machen wollen, bei dem Nebel und in Küstennähe …"

"… bestimmt hat er auch die Segel am Großmast eingezogen, damit das große Gaffelsegel nicht auf das Ruder drückt und nicht den Wind aus dem Vortopp und dem Focksegel nimmt …", mutmaßte Rickerts und Ole Jessen ergänzte: "Ich denke, er hat nur das Gaffelsegel eingezogen und die Marssegel beigesetzt gelassen. Er hätte sich auch für das Losmachen des vorderen und hinteren Leesegels entscheiden können, wovon ich allerdings so früh am Morgen bei dieser undurchsichtigen Nebelsuppe nicht ausgehe."

Windböen pfiffen über die Schaluppe und knallten jetzt auch in ihr eigenes Segel. Der Nebel wurde weiter Richtung Land getrieben und riss in weiten Strecken auf. Jetzt sahen sie alle den übermächtig hohen Bug mit der Galionsfigur vorweg auf sich zusteuern, schon konnten sie die Masten zählen, die himmelhoch über ihnen emporwuchsen und vernahmen, wie das stolze Schiff, wie ein Messer durch die Butter, das Meer zerschnitt und die Wellen rauschend zur Seite nach hinten warf. "Sieh an, so schlecht haben wir gar nicht gelegen, bei der Einschätzung der Besegelung", Rickerts lächelte schwach. "Der Kapitän hat seinen Kahn so besegelt, dass er möglichst viel Fahrt macht und er dennoch im Nebel und in Küstennähe navigieren und loten kann. Gut der Mann!"

Mohr sprang auf, riss die Arme in die Höhe: "Verdammte Scheiße! Hört doch mal auf, über die Segel zu philosophieren! Wen interessiert jetzt eure Schifffahrtskunde? Unternehmt etwas! Ich glaube, die sehen uns nicht!"

"Das ist sogar ziemlich sicher", stimmte ihm Rickerts mit stoischer Gelassenheit zu. Jetzt reagierten auch die letzten Männer an Bord auf das Schiff. Jessen stammelte als Erster: "Großer Gott, das ist unsere 'Vesuvius'!"

Ausgerechnet ihr eigenes Schiff! Die meisten begannen jetzt auch ihre Arme in die Höhe zu reißen mit letzter Kraft zu schreien und zu gestikulieren. Die Soldaten feuerten Richtung Luftraum über das Deck des Schiffes. Rickerts kroch erneut zum Ruder und setzte zu einem waghalsigen Ausweichmanöver an. Dies würde sie zwar direkt aus dem Wind nehmen und das Segel vielleicht in den kräftigen Böen zum Teil in Fetzen schlagen, aber es blieb ihre einzige Chance, denn ein Schiff von der Größe der 'Vesuvius' ließ sich nicht wie ein Ochsenkarren zum Stehen bringen oder rasch auf die Backbord– oder Steuerbordseite zwingen. Mohr kroch heran: "Werden wir es schaffen?" Ohne das Ruder loszulassen, bereit, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen, antwortete Rickerts: "Wahrscheinlich nicht. Unser größtes Problem besteht darin, dass die 'Vesuvius', die uns nicht sieht, auf der Landseite fährt. Das wahrscheinlichste Ausweichmanöver wird für sie darin bestehen, auf das offene Meer zuzuhalten, um nicht zu nah auf die Küste zuzusteuern und Landberührung zu bekommen …" "Bei diesem Kurs werden sie aber auf uns treffen. Wir sind nicht schnell genug, ihr zu entkommen", führte Mohr den Gedanken zu Ende.

"Sie wird uns in weniger als drei Minuten über unseren Weg fahren. Und wenn wir Pech haben, einfach über uns hinweg", schlussfolgerte Jessen und winkte und schrie wie die anderen um sein Leben.

"Teufel noch eins! Die müssen uns bemerken!", fluchte Mohr. Er fand neben Jessen sogar noch die Kraft zu springen, während er seine Arme in die Höhe riss. Sie sahen die großen Bugwellen mit den weißen Schaumkronen des rasch dahinfahrenden Handelsschiffes auf sich zurollen. Dann entdeckten sie schemenhaft Matrosen an der Deckseite, die zu ihnen hinüber starrten. Sie hörten die langgezogenen Schreie des Ausgucks vom Hauptmast. Die weißen Wellenkronen der Bugwelle rauschten mächtig heran, während die 'Vesuvius' in buchstäblich letzter Minute Richtung Steuerbord beidrehte und majestätisch an ihnen vorbeiglitt, während sie ihrerseits wie ein verrücktes Zirkuspferd auf den Wellen des Meeres tanzten und zu kentern drohten. Atemlos von der Schreierei gerieten sie jetzt, hielten sich kaum noch auf den Beinen, und als die Wellen gegen die Bordwand steil emporschlugen, stürzten sie schwer, starrten an dem riesigen Schiff empor, das ihr gesamtes Blickfeld wie ein Berg einnahm. Die Männer in der Schaluppe verletzten sich bei ihren Stürzen, blieben zerschlagen, müde und stöhnend liegen. Aber sie waren nicht zermalmt worden! Es gab sie noch! Und wenn man sie an Bord der 'Vesuvius' bemerkt hatte, würde man die Segel einholen, das Schiff treiben lassen und mit der zweiten Schaluppe zu ihnen rausfahren, um sie zu bergen. Mit viel Glück waren sie jetzt gerettet! Rickerts wurde schwarz vor Augen und er ergab sich einer tiefschwarzen Leere und Müdigkeit. Ihm war gleichgültig, ob er jemals wieder aufwachen würde, und er fiel von jetzt auf gleich in einen Schlafzustand, der einer Ohnmacht ähnelte. Mohr und Jessen hockten bei dem Ruder, rissen ihre Augen weit auf und versuchten, solange es ging, das Heck der 'Vesuvius' nicht aus den Augen zu lassen. Sie verließen ihren Kurs und segelten dem Handelsschiff hinterher. Dabei nahmen sie das Risiko in Kauf, dass man sie vielleicht nicht erkannt oder nicht wirklich bemerkt hätte und weitergesegelt wäre. Dies hätte dann wirklich ihr Ende bedeutet. Harte Stunden bis zur Bergung und zur Gewissheit lagen noch vor ihnen …

© Udo Weinbörner / Wellhöfer Verlag, Mannheim
(Hinweis: Der Text wurde dem 2017 erschienenen Roman "Lieber tot als Sklave" über das Leben des Amrumer Kapitäns Hark Nickelsen entnommen und mit Genehmigung des Verlages zur Verfügung gestellt. Wellhöfer Verlag: Mannheim 2017.)

 

 

8. Die Geschichte der Entstehung meines ersten Schiller-Romans

Als ich im Jahr 1998 Weimar besuchte, geschah dies eher im Rahmen einer Stippvisite, denn meine Frau und ich wollten im Mai am Rennsteig-Marathonlauf teilnehmen. Ankommen war unser Ziel und so  blieben wir von falschem Ehrgeiz verschont und besuchten am Tag vor dem Start Weimar. Die Stadt zeigte sich damals noch nicht von ihrer schönsten Seite, denn überall musste man fast buchstäblich "über Baustellen steigen". Viele Häuserfassaden und Dächer waren noch renovierungsbedürftig und überall herrschte Betriebsamkeit, die einen beschaulichen Rundgang in Sachen Kultur stets ein wenig störte. Im Jahr 1999 sollte Weimar nämlich als Kulturhauptstadt Europas in neuem Glanz erstrahlen. So wandelten meine Frau und ich ein wenig auf Goethes, Schillers und Wielands Spuren und machten - dies war die positive Kehrseite der Medaille - auch manch überraschende Entdeckung, die so heute nicht mehr möglich ist. Beispielsweise fanden wir uns anlässlich verschiedener Ausweichwege (der Baustellen wegen) auf dem Jakobsfriedhof mit der dazugehörigen Kirche wieder. Wir bestiegen die in bedenklichem Zustand befindliche Türmerwohnung unmittelbar bei den Glocken des Turms und blickten auf das Landschaftskassengewölbe, wo ich kurze Zeit später bereits vermuten sollte, dass sich Schillers sterbliche Überreste immer noch hier und nicht in der Fürstengruft befänden. Alles in allem beschlossen wir, Weimar erneut zu besuchen, um die Orte und Plätze der Weimarer Klassik und des Bauhauses einmal ohne Baustellen richtig zu genießen. Natürlich führte unser Weg damals auch ins Schiller- und ins Goethe-Haus und dort stieß ich im Andenkenshop auf einige Schiller-Zitate, die Goethe zugeschrieben wurden, der, was die museale Aufbereitung anging, damals auch wesentlich besser abschnitt. Mit Schillers Freigeist hatten schon immer einige politische Instanzen ihre Schwierigkeiten. Ich gebe zu, dies beschäftigte mich noch nachhaltig, als ich einige Tage später wieder auf dem Weg zurück ins Rheinland war. Und ich erinnerte mich daran, dass mich etwas über 20 Jahre zuvor - zu meinem zwanzigsten Geburtstag - an meinem damaligen Studienort ein ungewöhnliches Geburtstagspaket meines Vaters erreicht hatte. Ungewöhnlich vor allem deshalb, weil ich mir damals nicht erklären konnte, wie mein Vater, der als Arbeiter kaum eine Beziehung zu Büchern hatte, auf die Idee gekommen war, mir Schillers gesammelte Werke in einer dreibändigen Dünndruckausgabe des Hanser Verlages zu schenken. Gewünscht hatte ich mir diese Art von Lektüre jedenfalls nicht. Ich hatte mich artig bedankt, diese drei schönen Bände dekorativ ins Regal gestellt und vergessen. Jetzt, zwanzig Jahre später, erinnerte ich mich an sie, nahm den ersten Band zur Hand und begann zu blättern und zu lesen. Da rutschte die Glückwunschkarte, die mein Vater mit seiner schwerfälligen Handschrift und mit wenigen, aber herzlichen Worten an mich adressiert hatte, aus den Seiten. Mein Vater, in seinem 51 Lebensjahr viel zu früh gestorben, war mir plötzlich gegenwärtig wie schon lange nicht mehr. Etwas in mir geriet in Bewegung... Ich brauchte nicht lange und ich las mich in Schillers Texten fest, und als ich mich dann intensiver mit seinem Leben beschäftigte, war es um mich geschehen. Der Wunsch, über Friedrich Schiller zu schreiben, war geboren und er ließ mich über Jahre und Jahrzehnte nicht los. Je älter ich werde, desto mehr fasziniert mich dieser Mensch Friedrich Schiller.

Es war tatsächlich nicht geplant und ein glücklicher Zufall, dass ich ausgerechnet zum 200. Todesjahr Schillers im Jahr 2005 mit der ersten Fassung meines Schiller Romans fertig wurde und dann sofort beim Verlag Langen-Müller in München auf eine begeisterte Lektorin stieß, die sich für das Buch und mich als Autor unglaublich persönlich engagiert hat. Groß angelegte Werbung, Plakate, Flyer und im Verlagsteam immer mehr Schiller infizierte Verlagsmitarbeiterinnen. Man hat mir erzählt, dass der Verlag zur Straße bzw, im Flurbereich einen Schaukasten hat, der mit dem Cover meines Buches geschmückt war. Zum Schillerjahr 2005 dann noch ein Fernsehauftritt im MDR in Magdeburg über eine Stunde im Studio zum Sonderthema "Schiller". Natürlich freute ich mich über diese ungeheuere Resonanz! So etwas hatte ich bislang nur im Sachbuchbereich erlebt - und selbst da wäre es noch etwas ganz besonderes gewesen! Die ersten Besprechungen trafen ein, alle durchweg gut, bis sehr gut. Sogar einige große Frauenzeitschriften gaben Leseempfehlungen! Doch ich behielt Bodenhaftung und blieb skeptisch: Der Verlag titelte selbstbewusst "Schiller/Der Roman"! Natürlich "Der Roman" - es gab aktuell keinen anderen aktuellen über Schillers ganzes Leben. (Foto: Verleihung der französischen Ehrenbürgerschaft an Schiller, Urkunde durch Danton gezeichnet - Foto privat mit Gen. Marbach Ausstellung) Lesenswertes, erzähltes über Lebensabschnitte, ja, aber nicht das Wagnis einer Gesamtschau. Die war bislang nur den großen Biografien und Werken der Literaturwissenschaftler vorbehalten geblieben. Aber ich bildete mir keineswegs ein, einen aus guten Gründen erfolgreichen Rüdiger Safranski, mit seinem "Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus" oder Bücher, wie Peter-André Alt, "Schiller/Leben, Werk, Zeit in zwei Bänden" oder Sigrid Damm, "Das Leben des Friedrich Schiller/Eine Wanderung", um nur diese aus einem großen Reigen von Neuerscheinungen zu nennen, die 2005 auf den Markt drängten, überflüssig zu machen. Dieses Prinzip eines Heinrich Heine: "Schlage die Trommel und fürchte dich nicht!" hatte ich noch nicht verinnerlicht. Zu sehr war und bin ich mir der Größe dieses Friedrich Schillers und seines Werkes bewusst, auch wenn es mir immer wieder darum geht, erzählend deutlich zu machen, dass er ein ganz normaler, ein leidenschaftlicher, leidender, intensiv lebender und viel zu früh gestorbener Mensch war. Irgendwie kommt man sich als Erzähler, wenn die Maschinerie der Feuilletons sich erst einmal auf die fachlichen Aspekte der Literaturgeschichte eingelassen hat, bei allem bescheidenen Erfolg dann sogar klein und überflüssig vor. Man ist als Romanautor Gefühlen verpflichtet, spielt mit Material, das einmal lebendig war, versucht, Dinge sichtbar zu machen, wo sich der Wissenschaftler vor dem staunenden Publikum an die Brust schlägt und faktenreich ausruft: So war es und wenn es nicht so war, weiß ich wenigstens warum! Das erste persönliche Zusammentreffen mit einem der ganz Großen unter den Schillerexperten aus dem Literaturbetrieb fand für mich dann in Bonn statt. Jemand raunte mir vor der Lesung zu: "Da vorn in der ersten Reihe, das ist Prof. Norbert Oellers von der Uni Bonn. Ich schluckte - sein großformatiges Schiller -Buch war mir während meiner ganzen Romanarbeit ein treuer Ratgeber und Leitfaden gewesen. Da saß ein Experte und ich würde ihm gleich Schiller-Geschichten erzählen... Wenn das nur gut ging! Ich sprach mir Mut zu, erinnerte mich an den jahrelangen Schreibprozess, die eigenen Recherchen. Natürlich würde ich einem, der wie Prof. Oellers in der Schiller Forschung Maßstäbe setzte, nicht wirklich etwas entgegensetzen können. Ich wurde nervös - sehr nervös sogar. Die erste Viertelstunde der Lesung geriet mir eher schlecht als recht. Ich fühlte mich wie in einer Prüfungssituation. Doch dann in der Pause nur ein, zwei Fragen und eine kurze, freundliche fachliche Diskussion darüber, warum ich meinen Schwerpunkt in den Jugendjahren Schillers und wenigstens Seitenzahlen mäßig nicht in der Entstehung seiner großen Werke (etwas über 1/3 des Romans entfällt allein auf Schillers Akademiezeit). Ich erläuterte, wie ich nach der Recherche vorgegangen war, wie ich immer vorgehe. Ich frage mich, was war im Leben dieses Menschen, das ihn so geprägt hat, dass dies aus ihm geworden ist, wo sind seine existenziellen Erfahrungen gewesen, die dazu geführt haben, dass ihm beispielweise das Freiheitsdrama des Wilhelm Tell nur in wenigen Tagen und Wochen (und dies bei seinem schlechten Gesundheitszustand!) aus der Feder geflossen ist, während sich Goethe Jahre lang daran die Zähne ausgebissen hatte und nichts zu Papier brachte. Warum schreibt einer wie Schiller Balladen, wie die Bürgschaft zum Thema Freundschaft und auf diese Weise, um Leben und Tod ringend? Für mich war die entscheidende existenzielle Prägung von Schiller die Drangsal der Tyrannei durch die Anstalten des Herzogs Carl Eugen von Württemberg und seine Errettung durch einen engen, verschworenen Kreis von Freunden. Ein Kind, isoliert von seinen Eltern, aus der vertrauten Umgebung gerissen und unter militärischen Drill gezwungen, wird traumatisiert. Dies ist mein Ansatz für die Erzählung von Schillers Leben geworden und aus diesem Grund dieser biografische, einfühlsame Erzählansatz, der dieser Zeit einen Schwerpunkt einräumt. Prof. Oellers äußerte Verständnis, ich wurde selbstsicherer für die zweite Hälfte der Lesung und bekam am Ende vor vollem Haus auch aus der Expertenecke Applaus.

 

(c) Udo Weinbörner

 

 

 

 

Blick riskieren Anne und Udo Weinbörner Aufnahme Udo Weinbörner 2018 

 'Blick riskieren' - Anne und Udo Weinbörner, Aufnahme Udo Weinbörner, 2018


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